Seine Kinder zu verantwortlichen und selbstbewussten Menschen zu erziehen ist der Wunsch aller Eltern. Dafür sind klare Regeln nötig. Doch wie können Eltern ihren Kindern sinnvolle Grenzen setzen?

 

1. Eltern erzählen

Montagmorgen 7.15 Uhr, schon wieder gibt es Ärger. Florian hat erneut vergessen, seine Pausenbrotbox aus dem Schulranzen zu räumen und in die Spüle zu stellen. Schon x-mal habe ich ihm angedroht, ihm kein Pausenbrot mitzugeben, doch jedes Mal denke ich: "Das kannst du nicht machen, der braucht doch was zu essen". Aber als ich an diesem Montagmorgen die Box öffne und mir schimmelige Brotreste entgegen blicken, bin ich mit meiner Geduld am Ende. Mit einem wütenden "Dann musst du heute auf dein Pausenbrot verzichten" schicke ich meinen Sohn in die Schule. Als er nach Hause kommt, erzählt Florian mir, dass er sich von seinem Taschengeld eine Brotzeit gekauft habe und beschwert sich, dass nun schon die Hälfte seines Geldes weg sei. Das hat gewirkt, denke ich sofort. Gleichzeitig frage ich mich: „Warum habe ich meine Drohung nicht schon viel früher wahr gemacht?“

Julia E., 37 Jahre

 
Theresa kommt nach dem abendlichen Zähneputzen zu mir ins Wohnzimmer, sieht die Kekse, mit denen ich vor dem Fernseher sitze und möchte unbedingt auch noch einen. Natürlich lehne ich das sofort klar und deutlich ab. Theresa bleibt aber vor mir stehen und quengelt, erst leise, weil ich es ignoriere, dann zunehmend lauter. Ich versuche, mich weiter auf das Fernsehprogramm zu konzentrieren und bleibe bei meiner Meinung. Doch Theresa gibt keine Ruhe. Dann wird es mir zu bunt und ich brülle meine Tochter an, dass sie endlich ins Bett gehen soll. Daraufhin bekommt sie einen Wutanfall und wirft sich heulend auf den Boden. Im Fernsehen beginnt nun der Film, den ich sehen will, doch Theresa ist immer noch nicht verschwunden. Entnervt lasse ich sie jetzt doch einen Keks essen, nachdem ich ihr vorher das Versprechen abgerungen habe, dass sie sich dann noch einmal sehr gründlich die Zähne putze und still ins Bett geht.

Thomas J., 34 Jahre

 

 

2. Was ist … autoritative Erziehung

Das Adjektiv "autoritativ" (lat.) kann mit respekteinflößend, verlässlich, entschieden, bestimmt oder maßgebend übersetzt werden, womit auch schon die Grundlagen des autoritativen Erziehungsstiles genannt sind. Unter allen Erziehungsformen hat sich der autoritative Stil heute als sogenannter "Königsweg" in der Erziehung durchgesetzt. So stehen bei dieser Erziehungsform Warmherzigkeit und Aufmerksamkeit ebenso im Vordergrund, wie das Setzen klarer Regeln und Normen und das konsequente Bestehen auf deren Einhaltung. Autoritative Eltern sind entschieden und liebevoll, streng und motivierend und nehmen Anteil am Leben ihrer Kinder. "Längsschnittstudien zeigen, dass Kinder, die nach dem Prinzip "Freiheit in Grenzen" erzogen wurden, sich zu lebensbejahenden, gemeinschaftsfähigen, aber auch leistungsfähigen Jugendlichen und Erwachsenen entwickeln."  

vgl. Schneewind, Psychologie Heute, 7/08

 

 

3. Erziehungsalltag

"Bitte Mama, lass uns jetzt ausnahmsweise mal Fernsehen schauen. Der Timo darf auch schauen, soviel er will". Ihr Kind hat die Fernbedienung vielleicht schon in der Hand. Blitzschnelles Abwägen und eine sofortige Entscheidung sind gefordert. Eine von zahllosen Entscheidungen, die Eltern im Umgang mit ihren Kindern tagtäglich treffen müssen - und das meistens spontan, ohne länger darüber nachdenken zu können. Ständig müssen Eltern Grenzen setzen, Vorbild sein, Zuwendung und Liebe geben. Oft fühlen sie sich regelrecht überfallen von den Anforderungen ihrer Sprösslinge, so dass wenig Zeit für kluges und gerechtes Handeln bleibt. Eine 2002 von der Zeitschrift GEO in Auftrag gegebene Studie ermittelte, dass 44 Prozent der befragten Eltern Probleme damit haben, Grenzen zu setzen und konsequent zu bleiben. Viele Eltern fühlen sich mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert. Sie wissen, dass sie ihren Kindern gegenüber oft nicht so konsequent handeln, wie es erforderlich wäre. Ihnen ist bewusst: Wer Regeln aufstellt und Grenzen zieht, muss auch Konsequenzen aufzeigen und sie letztendlich auch durchsetzen, sonst sind Grenzen überflüssig. Doch immer konsequent zu sein ist ein hoher Anspruch. Je nach Tagesform und Stresspegel tun wir uns alle immer wieder mal schwer damit. Der Ruf nach klaren Werten und dem Setzen von Grenzen in der Kindererziehung ist sehr populär geworden. Aber in Zeiten, in denen kein gesellschaftlich allgemein akzeptierter Wertekatalog mehr besteht, ist das keine leichte Aufgabe. Jahr für Jahr nimmt die Nachfrage nach Erziehungsberatungen zu. Viele Familien können ihre Konflikte nicht mehr allein bewältigen. Noch nie war die Nachfrage nach Erziehungsratgebern und Elternberatung so groß wie heute.

 

 

4. Neue Wege gehen

Um Kindern Grenzen zu setzen und für deren konsequente Einhaltung sorgen zu können, ist es wichtig, sich zuerst einmal selbst zu fragen: "Was habe ich für Standpunkte, welche Werte und Grenzen sind mir wichtig?". Dass Kinder ihren Eltern auf der Nase herumtanzen, liegt nicht am "bösen" Willen der Kinder, sondern vielmehr daran, dass Kinder instinktiv spüren, wenn Eltern unsicher sind und in ihrer Haltung schwanken. Diese Selbstzweifel sind oft die Ursache, wenn Eltern sich nicht durchsetzen können. Sind Eltern dagegen von ihrer Haltung und ihren Forderungen an das Kind überzeugt, braucht es gar nicht so viele Kraftanstrengungen, um Kindern Grenzen zu setzen.

 


Verfolgen Sie die Einhaltung von Regeln konsequent?

 

Wie würden Sie reagieren, wenn Sie morgens immer wieder in allerletzter Sekunde die Brotzeitbox Ihres Sohnes ausspülen müssten? Sätze wie: "Das hab ich dir doch schon hundertmal gesagt!" gehören wahrscheinlich zum Standardrepertoire vieler Eltern. Gleichzeitig geht Ihnen vielleicht durch den Kopf: "Dann mach' ich's eben selbst und habe meine Ruhe." Oder in Bezug auf Theresa: "Dann bekommt sie eben ihren Willen und geht ins Bett." Manchmal kostet es weniger Kraft nachzugeben und nicht auf die Einhaltung der Abmachungen zu pochen. Florians Mutter hat sich schon oft vorgenommen, "So, dieses Mal geht er ohne Pausenbrot zur Schule". Doch den Worten folgten keine Taten. Vielleicht auch aus Fürsorge um ihren Sohn. Möglicherweise wollte sie vor anderen Müttern nicht als Rabenmutter dastehen, die ihr Kind ohne Pausenbrot in die Schule schickt. Theresas Vater ist sich zwar sicher, dass die Tochter abends keine Süßigkeiten mehr essen soll, aber andererseits möchte er Fernsehen und jetzt keine langen Diskussionen mit der Tochter führen. Es sind die kleinen Zweifel, die nur in ihrem Inneren gestellte Frage, ob sich diese Auseinandersetzung jetzt überhaupt lohnt, die ihren Worten die Durchsetzungskraft nehmen. Auch wenn Sie Ihre Zweifel nicht laut aussprechen, kommen sie an. Denn: Die Botschaften, die wir an unsere Mitmenschen aussenden, sind zu 80 Prozent nonverbal. Wenn Denken und Reden nicht übereinstimmen, haben Sie deshalb kaum eine Chance.

 

 

Kinder verstehen lernen

 

Wenn er mittags mach Hause kommt, ist es für Florian das Schönste, seinen Schulranzen in die Ecke zu stellen und seiner Mutter aufgeregt von den Schulereignissen zu berichten. Da vergisst er schnell mal die Apfelreste und das halb gegessene Salamibrot. Und am nächsten Morgen wiederholt sich das, was Florian schon kennt. Es ist zwar ein wenig unangenehm, doch das Gewitter geht schnell vorbei. Seine Mutter hat ihre Drohungen noch nie wahr gemacht. Bis zu dem Tag, an dem er sein Taschengeld ausgeben musste, weil er so Hunger hatte. Bleibt die Mutter noch zwei, drei Mal konsequent und lobt andererseits öfter mal die ausgeräumte Brotzeitdose, steigt die Chance, dass sie über die Pausenbox bald kein Wort mehr verlieren muss. Theresa dagegen hat erneut gelernt, dass sie nur beharrlich genug quengeln muss, damit sie bekommt, was sie will. Beim nächsten Mal wir sie es auf die gleiche Tour versuchen.

 

 

5. Lösungsvorschläge

Erstellen Sie - wenn Sie in einer Partnerschaft leben, möglichst mit Ihrem Partner - eine eigene, familieninterne Wertetabelle. Überlegen Sie, welche Werte Sie Ihren Kindern mitgeben wollen. Geben Sie den Werten, die Ihnen wichtig sind, eine Punktzahl auf einer von Ihnen festgelegten Skala. Wie wichtig ist es mir, dass mein Kind sofort nach dem Mittagessen die Hausaufgaben macht? Muss mein Kind wirklich den Teller leer essen? Soll ich mein Kind jeden Tag eine halbe Stunde Fernsehen lassen oder darf es sich nur am Wochenende ein ausgewähltes Video anschauen? Achten Sie darauf, dass die aufgestellten Regeln alters- und situationsgerecht sind und stellen Sie nicht zu viele Regeln auf einmal auf, sondern versuchen sie eine schrittweise Einführung. Fangen Sie mit einem einzigen Punkt an, mit dem Sie Ihre Konsequenz trainieren wollen.  

 

Stellen Sie echten Kontakt her, indem Sie vor Ihrem Kind in die Knie gehen und ihm in die Augen schauen, wenn Sie mit ihm eine Regel besprechen möchten. Vermeiden Sie Gesprächssituationen, in denen Ihr Kind eigentlich mit etwas anderem beschäftigt ist. So gehen Sie sicher, dass Ihr Kind Ihre Botschaft wirklich hört und Ihnen die volle Aufmerksamkeit gilt. Außerdem stellt die Augenhöhe einen viel verbindlicheren Kontakt dar, als ein paar hingeworfene Sätze im Vorübergehen. Achten Sie auf eine ruhige und sachliche Stimme.

 

Seien Sie unmissverständlich, formulieren Sie klare, knappe Anweisungen. Mit Sätzen wie "Benimm dich ordentlich" oder "Wie sieht es denn in deinem Zimmer aus" können Kinder bis zu einem gewissen Alter nichts anfangen. Einem dreijährigen Kind beispielsweise müssen Sie genau erklären, was es wegräumen soll, z.B. die Legosteine in die Kiste, die Barbiekutsche in den Stall. Versuchen Sie, Ihre Anweisungen positiv zu formulieren, denn diese werden von Kindern eher gehört. Statt einem "Lauf nicht auf der Straße" probieren Sie mal ein "Geh auf dem Bürgersteig"  

vgl. Kast-Zahn, A.; S. 96

 

Wiederholen Sie Ihre Anweisungen, als hätte Ihre Platte einen Sprung. Lassen Sie sich in der konkreten Situation nicht auf zeitaufwändige und kraftraubende Diskussionen mit Ihren Kindern über bestehende Regeln ein. Den Sinn der Regel sollten Sie in einer neutralen Situation in Ruhe und ohne Handlungsdruck mit dem Kind besprechen. (siehe oben unter: Stellen Sie echten Kontakt her)

 

 

Keine Regeln ohne Konsequenzen!

 

Wer Regeln aufstellt, muss auch Konsequenzen aufzeigen. Ihr Kind soll auf diese Art lernen, Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen. Handeln hat Folgen. Es ist sinnvoll, sich über mögliche Folgen rechtzeitig und überlegt Gedanken zu machen. Die Konsequenzen, die das Kind zu tragen hat, sollen "schmerzlich" unangenehm sein und einen Bezug zu der Regel haben, die das Kind missachtet hat. Überfordern Sie Ihr Kind nicht, indem Sie zu viele Regeln aufstellen. Achten Sie darauf, Ihr Kind in kein allzu enges Regelkorsett einzubinden. "So viele Regeln wie nötig und so wenige wie möglich!"

vgl. Weymann-Reichardt, S.11

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