Eltern, die dem eigenen Idealbild von Kindererziehung immer gerecht werden, gibt es nicht. Sie alle haben schon einmal erlebt, dass sie statt Liebe und Einfühlungsvermögen nur noch Wut und Ärger äußern können. Was kann man tun, damit es nicht so weit kommt?

 

1. Eltern erzählen

„Annas Kreischen und Weinen machte mich wahnsinnig. Seit einer halben Stunde ging das nun so. Und das alles nur, weil die Puppe einen Arm verloren hatte. Drei Mal war ich schon bei ihr gewesen und hatte versucht, sie zu beruhigen – doch ohne Erfolg. Ich spürte, wie ich allmählich die Geduld verlor. Dann ging ich mit schnellen Schritten wieder in ihr Zimmer, blieb vor dem Kind, das auf dem Boden saß, wütend stehen und schrie sie an: ‚Kannst Du nicht endlich still sein! Kapierst Du nicht, dass der Arm davon auch nicht wieder an der Puppe ist?!’ Anna schaute mich mit großen Augen ängstlich an und war still.“

Karin B., 34 J.

 

„Ich kam auf dem letzten Drücker am Kindergarten an. Außer Felix waren alle anderen Kinder schon abgeholt worden. Doch gerade, als ich das Büro verlassen wollte, hatte mein Chef noch einen Wunsch, den er unbedingt loswerden musste. Und dann war es wie immer um die Zeit: alle Straßen waren verstopft. Jetzt wollte ich nur noch schnell nach Hause. Felix brauchte aber ewig, um sich anzuziehen und ließ sich partout nicht helfen. Auf dem Weg zum Auto musste es dann unbedingt noch ein Eis sein, was ich ihm genervt genehmigte. Als er danach auch noch nicht einsteigen, sondern das Schaukelpferd ausprobieren wollte, fuhr ich aus der Haut: ‚Jetzt ist aber Schluss mit dem Theater!’ Ich zerrte ihn an der Hand zum Auto. Er sträubte sich mit allen seinen Kräften. Ich zerrte ihn gegen seinen Willen weiter. Als er dann immer noch nicht aufgab, knallte es. Im Auto saß er leise weinend mit gesenktem Kopf auf dem Rücksitz. In mir bohrte mein schlechtes Gewissen, doch ich starrte stur geradeaus auf die Straße.“

Elmar S., 41 J.

 

 

2. Was ist Gewalt?

Seelische Gewalt


Alle Worte, Handlungen oder Unterlassungen von Erwachsenen, durch die ein Kind in seinem Wert herabgesetzt, geängstigt, lächerlich gemacht, gedemütigt oder überfordert wird, sind Formen seelischer Gewalt. Der Erwachsene ist immer der Stärkere. Das Kind fühlt sich ohnmächtig und ihm hilflos ausgeliefert. Auch Liebesentzug kann psychische Gewalt sein. Solche Verhaltensweisen beeinträchtigen auf Dauer eine vertrauensvolle Beziehung zwischen dem Erwachsenen und dem Kind und behindern seine geistig-seelische Entwicklung. Ein Kind, das sich abgelehnt fühlt, kann kein stabiles Selbstbewusstsein aufbauen. Die Schäden seelischer Gewalt sind oft folgenschwer und können mit denen körperlicher Gewalt verglichen werden.

 

 

Körperliche Gewalt

 

Hierzu zählen Prügel, Schläge mit Gegenständen, Kneifen, Beißen, Treten und Schütteln des Kindes. Darunter fallen Stichverletzungen, Vergiftungen, Würgen, Ersticken und Schäden, die durch Verbrennen, Verbrühen oder Unterkühlen entstehen. Schwere physische Misshandlungen werden vor allem an Säuglingen und Kleinkindern begangen. Sie sind in 95 % aller Fälle Wiederholungstaten.

Prof. Gert Jacobi, Zentrum für Kinderheilkunde, Uni Frankfurt/Main

 

In der „Konvention der Rechte des Kindes“, die die Generalversammlung der Vereinten Nationen 1989 verabschiedet hat, verpflichten sich die Unterzeichner-Staaten, Kinder vor „jeder Form körperlicher oder geistiger Gewaltanwendung“ zu schützen. Seit dem Jahr 2000 ist das „Recht auf gewaltfreie Erziehung“ im Bürgerlichen Gesetzbuch der Bundesrepublik verankert. Nach §1631 BGB sind auch seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen“ unzulässig.

 

 

3. Erziehungsalltag

„Wer nicht hören will, muss fühlen!“ lautete früher ein gesellschaftlich allgemein akzeptierter Spruch. Die ganz große Mehrheit der Eltern findet es heute nicht mehr richtig, Kinder mit Gewalt zum Gehorsam zu zwingen. Untersuchungen belegen jedoch, dass zwischen der moralischen Einstellung und dem tatsächlichen Verhalten eine große Diskrepanz besteht. Tatsächlich wissen viele Eltern in Situationen, die sie als unerträglich empfinden, keinen anderen Ausweg, als körperliche Strafen anzuwenden. Ihnen rutscht im wahrsten Sinne des Wortes die Hand aus, obwohl sie körperliche Züchtigung eigentlich ablehnen.

 

Nach einer gemeinsamen Studie des Bundesfamilien- und Bundesjustizministeriums gilt für rund 87 Prozent der Eltern die gewaltfreie Erziehung als ideal. Noch im Jahr 1992 gaben rund 41 Prozent der befragten Jugendlichen an, mit einem Stock versohlt worden zu sein. In der aktuellen Studie waren es nur noch knapp fünf Prozent. Eine schallende Ohrfeige erhielten 1992 rund 44 Prozent der Kinder, jetzt sind es noch 14 Prozent. Selbst in gewaltbelasteten Familien änderte sich etwas: Bekamen 1992 noch 98,9 Prozent der Kinder regelmäßig Prügel, so sank die Zahl zum Herbst 2002 auf 20,1 Prozent.

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend; Bundesministerium der Justiz: Bilanz nach Einführung des rechts auf gewaltfreie Erziehung, 2003

 

Die Sachverständigenkommission zum Zehnten Kinder- und Jugendbericht stellt aufgrund einer Studie von Wetzel eine Hochrechnung an, aus der sich ergibt, dass pro Jahr etwa 150.000 Kinder unter 15 Jahren in der Bundesrepublik Deutschland durch ihre Eltern körperlich misshandelt werden. Die Dunkelziffer ist vermutlich wesentlich höher, besonders bei Formen psychischer Gewalt, die in der Regel nicht angezeigt werden. Oft sind Überlastung und Doppelbelastung durch Familie und Erwerbstätigkeit, Überforderung, Ehekonflikte oder hohe innere Anspannungen Ursachen dafür, dass Eltern mit ihrer Geduld am Ende sind.

 

 

4. Neue Wege gehen

Wut ist ein alltägliches Gefühl im Zusammenleben zwischen Eltern und Kindern. Niemand ist immer nur in positiver Stimmung. Wichtig ist, dass Sie als Eltern dieses Gefühl nicht verdrängen. Wer seine Gefühle verleugnet, entwickelt Schuldgefühle und verdeckte Aggressionen, die sich dann gegen andere richten. Zu unkontrollierten Ausbrüchen kommt es in der Regel erst, wenn sich Gefühle aufgestaut haben, die längere Zeit nicht heraus durften. Deshalb sollten Sie Ihre negativen Emotionen unbedingt möglichst bewusst wahrnehmen, ernst nehmen und ihnen auf den Grund gehen.

 

 

Sich selbst beobachten

 

Jeder kennt solche Situationen: Ihr Kind schreit und lässt sich nicht beruhigen, wie Anna, deren Puppe einen Arm verloren hat. Wie fühlte sich die Mutter, bevor das Geschrei begann? Vielleicht ließ die Familienarbeit ihr den ganzen Tag keine Zeit für Dinge, die ihr auch wichtig gewesen wären. Vielleicht war der Gedanke "Auch das noch!" ihr erstes Gefühl, als sie Anna weinen hörte. Mag sein, dass die Mutter mehrfach in Annas Zimmer ging, aber galt der Tochter in diesem Moment wirklich ihre aufrichtige Anteilnahme und Aufmerksamkeit? Hatte sie den Kopf dafür frei, sich auf Annas kleine Sorgen einzulassen? Oder hatte sie eigentlich nur ein Ziel: Ruhe herstellen und schnell wieder zurück in die Küche kommen.

 

 

Kinder verstehen lernen

 

Versetzen sie sich einmal in den kleinen Felix. Von 9 bis 17 Uhr war er im Kindergarten. Felix freut sich, dass der Papa ihn abholt. Wie soll er verstehen, dass der Vater seine Arbeit im Büro für heute zwar beendet, aber trotzdem keine Zeit für ihn hat, weil er eigentlich nichts mehr hören und sehen, sondern nur noch seine Ruhe haben möchte? Warum soll er sich gerade jetzt nicht selbst anziehen, wo er doch so stolz darauf ist, dass er das allein machen kann und die Mama ihn vielleicht am Morgen noch dafür gelobt hat? Vielleicht hat er den genervten Unterton des Vaters durchaus wahrgenommen, aber die Gründe dafür kann er sicher nicht nachvollziehen.

 

 

5. Lösungsvorschläge

Wenn Sie spüren, dass in einer Situation Wut in Ihnen aufsteigt, gibt es ein paar einfache Übungen, mit denen Sie Ihren Adrenalinspiegel schnell senken können:

 

  • Atmen Sie ein paar Mal tief durch
  • Zählen Sie von 1 bis 10
  • Stellen Sie sich vor, welchen Wert Sie gerade auf ihren "Ärgerthermometer" haben
  • Stellen Sie sich vor, Sie haben den Fernseher eingeschaltet und sehen sich selbst, wie Sie gerade agieren
  • Nehmen Sie sich eine "Auszeit". Bitten Sie um fünf Minuten ungestörte Ruhe in einem anderen Raum, um "abkühlen" zu können.

 

Probieren Sie aus, welche dieser Übungen für Sie am Besten geeignet ist.
Klaus A. Schneewind: Freiheit in Grenzen, Interaktive CD, München 2003

 

 

Sprechen Sie von Ihren Gefühlen

 

Selbst, wenn die Kinder in einem Alter sind, in dem sie noch nicht alles verstehen können, ist es sinnvoll und richtig, ihnen die eigenen Gefühle mitzuteilen und zum Beispiel zu erklären, warum man mit seinen Gedanken gerade ganz woanders ist. Sagen Sie Ihrem Kind, wie Ihnen innerlich zumute ist. Es lernt daraus, dass Eltern auch nur Menschen sind und negative Emotionen zum Leben dazu gehören. Nicht zuletzt machen Sie mit einer solchen Erklärung auch sich selbst bewusst, wie es in der augenblicklichen Situation um die eigenen Gefühle und Bedürfnisse bestellt ist.

 

 

Überfordern Sie sich nicht

 

Natürlich kann keine Mutter und kein Vater den Kopf immer "frei" haben für die Bedürfnisse und Nöte der Kinder. Das erwartet niemand. Und Sie selbst sollten Ihre Erwartungen an sich auch nicht so unerreichbar hoch schrauben. Doch es ist wichtig, sich bewusst zu machen, wann Sie innerlich mit sich selbst beschäftigt sind, und wann Sie wirklich in der Lage sind, sich dem Kind zuzuwenden. Kinder spüren es ohnehin, wenn ihre Eltern eigentlich etwas ganz anderes im Kopf haben. Sie können sich nur nicht erklären, warum das so ist. Außerdem: Es kommt weniger auf die Quantität, als auf die Qualität ihres Zusammenseins an. Es ist nicht so entscheidend, wie viele Stunden Sie täglich für Ihr Kind Zeit haben, sondern dass es Zeiten gibt, in denen Sie sich wirklich voll dem Kind zuwenden.

 

 

Nehmen Sie Ihre eigenen Bedürfnisse ernst

 

Viele Eltern kennen das Gefühl "nur noch für andere da sein zu müssen". Unterschwellige Unzufriedenheiten mit den Belastungen des Elternseins können Überreaktionen auslösen. Bauen Sie sie ab, indem Sie auch die eigenen Bedürfnisse ernst nehmen. Um für die Zukunft Situationen zu vermeiden, in denen sie mit Ihrer Geduld am Ende sind, kann es helfen, wenn Sie jeden Tag auch ein bisschen Zeit ganz für sich selbst einplanen. Wenn Sie gelegentlich mal eine zuverlässige Betreuung organisieren und ein paar Stunden "Urlaub" vom Kind machen, tut das nicht nur Ihnen, sondern letztendlich auch Ihrem Kind gut.

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