Schätzungen zufolge ist davon auszugehen, dass in Deutschland jedes 4. bis 5. Mädchen und jeder 9. bis 10. Junge von sexueller Gewalt betroffen ist. Was können Eltern tun, um ihr Kind vor sexueller Gewalt zu schützen?

 

1. Was ist sexueller Missbrauch?

Sexueller Missbrauch ist Gewalt gegen Kinder. Es handelt sich um eine bewusst geplante, oft sorgfältig vorbereitete Tat. Fast immer ist es eine Wiederholungstat. Unter sexuellem Missbrauch versteht man jede sexuelle Handlung, die ein erwachsener Mensch oder ein älterer Jugendlicher an und/oder mit einem Mädchen oder Jungen vornimmt. Dies können Handlungen sein, die der Täter/die Täterin bei dem Kind ausführt oder vom Kind an sich vornehmen lässt oder im Beisein des Kindes an sich selbst ausführt. Sexuelle Gewalt bedeutet, dass ein Erwachsener oder Jugendlicher seine Überlegenheit, seine Machtposition und die Abhängigkeit des Kindes zur Befriedigung seiner eigenen sexuellen und/oder aggressiven Bedürfnisse ausnutzt. Die Anwendungen von körperlicher Gewalt oder Zwang ist nicht notwendige Vorraussetzung, um von sexueller Gewalt zu sprechen. Ein Kind gibt zu sexuellen Handlungen nie sein Einverständnis. Die Verantwortung liegt immer beim Täter. Zum sexuellen Missbrauch gehört es typischerweise, dass der Erwachsene oder Jugendliche das Kind zur Geheimhaltung des Übergriffs verpflichtet. Das Kind wird durch Bedrohung oder Bestechung gezwungen, zu schweigen. Damit wird das sexuell misshandelte Kind einmal mehr sprachlos, wehrlos und hilflos gemacht. Sexueller Missbrauch ist eine Straftat, die mit Freiheitsstrafen bis zu 15 Jahren geahndet wird.

 

 

2. Sexuelle Gewalt im sozialen Nahraum

Zärtlichkeiten, gemeinsam Baden, Küssen, Streicheln, Toben oder Kitzeln gehören zu einer liebevollen Erziehung und damit zum alltäglichen Umgang zwischen Eltern und Kindern. Doch egal, wie alt Ihr Kind ist, es wird Ihnen und allen Menschen, die körperlichen Kontakt mit ihm aufnehmen, zeigen, was es mag und was nicht. Diese persönlichen Grenzen des Kindes gilt es sensibel wahrzunehmen, zu respektieren und nicht zu überschreiten. So lässt sich der zärtliche körperliche Umgang zwischen Erwachsenen und Kindern klar von sexueller Gewalt trennen. Nach der Statistik des Bundeskriminalamtes werden jährlich rund 20.000 Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern angezeigt. Die Dunkelziffer dieser Straftaten liegt wesentlich höher. Schätzungen zufolge werden nur fünf bis zehn Prozent der Opfer sexueller Gewalt der Polizei bekannt. Aufgedeckt werden am ehesten die Fälle, in denen ein Fremder der Täter ist. Doch sexuelle Gewalt erleben Kinder vor allem von Tätern und Täterinnen in ihrer nächsten Umgebung, von Menschen, denen sie vertrauen, die sie lieben, von denen sie existentiell abhängig sind: Es sind Väter oder Onkel, manchmal auch Mütter oder Tanten, Nachbarn, Freunde oder Bezugspersonen aus dem pädagogischen Umfeld. Missbraucht werden Kinder jeden Alters, Mädchen und Jungen. Die Täter kommen aus allen gesellschaftlichen Schichten. Oft sind die Opfer noch Säuglinge oder Kleinkinder. Die meisten dieser Taten werden nicht bekannt, weil Familienmitglieder sie nicht wahrnehmen wollen, sich dem Schrecklichen nicht stellen können. Oft geschieht dies aus Angst, Ratlosigkeit und/oder Unwissenheit. Erfahrungen aus der Beratungsarbeit mit kindlichen Opfern zeigen, dass vor allem angepasste Mädchen und Jungen missbraucht werden. Seltener handelt es sich bei den Opfern um selbstbewusste Kinder, die von klein auf von ihren Eltern dazu ermuntert wurden, ihrer eigenen Wahrnehmung zu vertrauen und ihre eigenen Interessen auch gegenüber Grenzüberschreitungen von Erwachsenen durchzusetzen.

 

 

3. Neue Wege gehen

Die bis vor ein paar Jahrzehnten vorherrschende Erziehungshaltung, dass Kinder Erwachsenen immer zu gehorchen haben, macht diese leichter zu Opfern sexueller Gewalt. Wenn Sie Ihr Kind vor Missbrauch schützen möchten, sollten Sie deshalb vor allem sein Selbstbewusstsein stärken. Kinder mit ihrer Persönlichkeit, ihren Eigenheiten, ihrem eigenen Willen und ihrem Wunsch nach Selbstbestimmung ernst zu nehmen, ist die beste Vorbeugung. Auch bei scheinbar belanglosen Angelegenheiten, wie dem ungewollten Küsschen eines Verwandten oder Freundes, sollten Sie Ihr Kind darin bestärken, seine individuelle Grenze zu ziehen. Missbrauch beginnt mit kleinen Übergriffen!

 

 

Sich selbst beobachten

 

Nehmen Sie den eigenen Willen Ihres Kindes wirklich ernst?

 

Ihr Kind ist eine eigene Persönlichkeit mit einer eigenen Privatsphäre und diese entspricht nicht eins zu eins der Ihren. Menschen, denen Sie sich nahe fühlen, sind nicht automatisch Menschen, denen sich auch Ihr Kind nahe fühlt. Es gibt zum Beispiel keinen Automatismus, dass Ihr Kind gerne auf dem Schoß von Ihren Freunden oder Verwandten sitzen möchte. Es ist auch nicht unhöflich oder gar ein Zeichen schlechter Erziehung, wenn Ihr Kind den Körperkontakt mit Personen, die Ihnen selbst sehr vertraut sind, ablehnt. Sie sollten sich nicht schämen, wenn Ihr Kind selbstbestimmt "Nein!" sagt, wenn es einen Körperkontakt zu einem anderen Menschen nicht will. Unterstützen Sie es! Kommentare wie "Stell Dich nicht so an!" oder "Mach dem Onkel doch die Freude!" setzen das Kind dagegen unter Druck, brav hinzunehmen, was Erwachsene von ihm erwarten.

 

 

Kinder verstehen lernen

 

Signale erkennen: "Onkel Herbert ist blöd!" oder "Ich will nicht mehr zur Nachbarin!" In den wenigsten Fällen redet ein Kind, das sexuell missbraucht wurde, offen über dieses schreckliche Erlebnis. Oft äußern betroffene Kinder jedoch, dass sie den Kontakt mit der jeweiligen Person ablehnen: "Onkel Herbert ist blöd!", "Zu der Nachbarin möchte ich nicht mehr." oder "Ich will nicht beim Opa übernachten.". Dann sollten Sie Ihr Kind mit offenen Fragen zum Reden ermuntern, indem sie sich z.B. erkundigen, warum das Kind Onkel Herbert blöd findet. Auch wenn Kinder gar nichts sagen, gibt es fast immer verdeckte Hinweise auf sexuelle Gewalt: Manche Kinder werden bedrückt und ziehen sich zurück, andere übernervös und unruhig oder aggressiv. Wenn sich das Verhalten Ihres Kindes ändert, ohne dass Sie irgendeinen Grund dafür finden, sollten Sie genauer hinschauen.

 

 

4. Lösungsvorschläge

Zeit zum Reden

 

Nehmen Sie sich regelmäßig Zeit für Gespräche mit Ihrer Tochter oder Ihrem Sohn, zum Beispiel abends beim Zubettgehen. Versuchen Sie, nichts umzudeuten, sondern bestärken Sie Ihr Kind, der eigenen Wahrnehmung zu vertrauen. Wenn Sie ein solches Ritual etablieren, bei dem Ihr Kind regelmäßig von seinem Tag erzählen kann, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es Ihnen auch seine Probleme und Erlebnisse anvertraut.

 

 

Kein Küsschen auf Kommando

 

Bis heute ist es noch immer üblich, dass - besonders kleine - Kinder ungefragt geküsst oder umarmt werden. Viele Erwachsene nehmen dabei oft gar nicht wahr, dass das Kind sich z.B. abwendet, weil es diese Liebkosung gar nicht möchte. Kinder wissen, welche Gefühle und Berührungen ihnen angenehm sind und welche unangenehm. Unterstützen Sie Ihr Kind in seinem Nein, indem Sie Verwandte und Freunde darauf aufmerksam machen, dass das Kind auf eine Liebkosung mit Unwillen reagiert. "Nun gib dem Onkel doch einen Kuss" wäre eine völlig falsche Reaktion! Viele von uns kennen diese Aufforderung der Eltern noch aus ihrer eigenen Kindheit. Doch Ihren Kindern sollten Sie solche Küsschen auf Kommando unbedingt ersparen!

 

 

Umgang mit Geheimnissen

 

Erklären Sie Ihrem Kind, dass es gute und schlechte Geheimnisse gibt. Gute Geheimnisse machen Freude und sind spannend - schlechte Geheimnisse machen Angst und sind bedrückend. Bestärken Sie Ihr Kind, schlechte Geheimnisse zu erzählen, auch wenn ein Erwachsener es ihm verboten hat. Machen Sie ihm klar, dass dies kein Verrat und kein Petzen ist.

 

 

Klären Sie Ihr Kind altersentsprechend auf

 

Auch Aufklärung ist ein Schutz vor Missbrauch. Nur wenn Ihr Kind weiß, was sexuelle Handlungen sein können, kann es sich dagegen wehren. Doch obwohl Sexualität von einem Tabu zu einem "In-Thema" in den Medien avanciert ist, fällt es uns in keinem Bereich so schwer, wie beim Thema Sexualität, die richtigen Worte zu finden. Hilfe und Unterstützung bieten Aufklärungs-(bilder-)bücher, die Sie dem Alter Ihres Kindes entsprechend aussuchen sollten und gemeinsam lesen können.

 

 

Bei konkretem Verdacht

 

Glauben Sie Ihrem Kind, wenn es von sexuellen Übergriffen erzählt und versichern Sie ihm, dass niemand so etwas mit ihm machen darf. Wenn Sie den Verdacht haben, Ihr Kind oder ein Kind, das Sie kennen, wurde sexuell missbraucht, bedrängen Sie das Kind nicht mit Fragen und vermeiden Sie alles, was das Kind so verstehen könnte, als habe es Schuld an den sexuellen Übergriffen. Es kann sein, dass Sie die Täterin oder den Täter kennen, stellen Sie ihn aber nicht selbst zur Rede - sie oder er wird ohnehin erst mal alles abstreiten oder in ein anderes Licht rücken. Suchen Sie sich professionelle Beratung!

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